Macht authentisch sein glücklich?

„Sei authentisch. Dann bist du ein guter Lehrer.“ So war einst der Tipp meines Hauptseminarleiters, als ich zu Beginn meiner Schulkarriere mit einer „herausfordernden“ Klasse Probleme hatte.
Sie hörten mir schlichtweg nicht zu. Und das machte mich ziemlich unglücklich.

Ein paar Jahre und einiges an Literatur später klappte es. Weil ich nicht authentisch war, sondern stimmig. Das wiederum machte mich immer wieder glücklich. Schüler, die zuhören.

Ich hätte gerne mal im Nachhinein dieses Feedback an meine damaligen Anleiter zurück gegeben. Dass das mal einfach totaler Quatsch gewesen war. Authentisch sein war in meiner Situation einfach nicht zielführend.

Wer sind wir eigentlich?

Der Tipp „authentisch sein“ war ja gut gemeint. Ich bin im Referendariat verändert worden, sollte ein Lehrer nach Schema F werden. Allerdings war ich mein Leben lang eher eine bunte Gestalt gewesen. Ich wollte gerne Lehrer werden und dafür änderte ich dann sogar Frisur und Kleidung.
Dies führte dazu, dass meine Teilnehmer (also in diesem Fall Schüler) vor sich eine Person hatten, die nach Schema A aussah, mit Worten nach Schema B sprach, nach Schema C handelte und aber in ihrem nonverbalen Ausdruck (also vor allem unbewusster Ausdruck) ganz klar Schema M (Mirco) war.
Ein Schüler meinte sogar mal zu mir „Herr Meyer, Sie sind doch eigentlich ganz cool. Warum stressen Sie uns dann eigentlich so im Unterricht?“ Die Frage war gut. Warum machte ich nicht das, was ich eigentlich gerne machen würde?

In uns: ein Team. Wir hören mit 4 Ohren und sprechen mit 4 Mündern. Ich bin also eigentlich ein „Wir“.

Hätte ich den Tipp meines Hauptseminarleiters beherzt und wäre authentisch gewesen, hätte ich die Schüler wahrscheinlich permanent als geföhnte Pseudoblondinen und Macho-Penner beschimpft. Oder schlimmeres. Schule in Berlins Problemvierteln ist Lehrer-Championsliga. Die Schüler kennen und können ihren Job.
Tatsächlich aber besann ich mich meines Studiums und eines sehr aussergewöhnlichen Psychologen: Friedemann Schulz von Thun (Liebevoll von seinen Verehrern auch Frido genannt).
Eine seiner zentralen Lehren ist, dass unsere Persönlichkeit nicht eine ist, sondern ein Team aus verschiedenen „Mitspielern“. Und somit spricht aus uns nicht nur eine Stimme, sondern viele. Selbst die Stimme, die aus dem Mund kommt, besteht eigentlich aus 4 Mündern. Hören wir etwas, wird es ebenso von 4 Ohren interpretiert.
Zusammengefasst: großes Kuddelmuddel in uns, kommt aus uns raus und wird gehört.

Leitbild Stimmigkeit statt Authentizität

Authentizität wird oft als „Echtheit“ Übersetzt. Dies bedeutet, dass ich das ausdrücke, was als „Stimme“ in mir ist. Folgt man dem Modell von Schulz von Thun, wäre das nicht nur eine Stimme, sondern viele. Und die sind eventuell nicht nett.
Diese Vielstimmigkeit liegt einerseits an unserer kommunikativen Ungenauigkeit:
daran, dass ein Satz „Ich mag dich“ verschiedene Informationen kodieren kann. Unterschiedlich, je nach dem, wie er ausgesprochen wird – und – je nach dem, wie er verstanden wird (oder werden will).
Andererseits hat jeder schon einige Jahre Leben hinter sich. Einige Jahre Erziehung durch die Eltern. Einige Jahre Erfahrung als Kind. Einige Jahre Erfahrung und Konflikt als Teenager. Einige Jahre Erfahrung als Lebenspartner, als Vater und noch vieles mehr. Da kommt einiges zusammen, das in einer bestimmten Situation abgerufen wird. Man hat seine Prinzipien. Man hat seine Erfahrungen gemacht. So wurde ich halt erzogen. So bin ich halt. 
In anderen Situationen reagieren wir auch einfach ohne nachzudenken. Oder auch ohne die Chance, anders zu reagieren.
Hier zeigt sich unser Inneres Team! Authentisch sein würde bedeuten, dieses Team einfach auf die Welt loszulassen. Das kann funktionieren, wird aber in manchen Fällen nicht gut sein. Und somit auch unglücklich machen. Die Antwort auf die Überschrift: Authentizität allein macht unglücklich. Ich möchte nicht ständig vor den Kopf gestoßen werden, weil jemand authentisch sein möchte.

Was ist dann Stimmigkeit?
= Sich erkennen + Situation erkennen + Rolle erkennen.

Sich erkennen: Man kann das Innere Team kennen lernen und moderieren. Mann muss sich also zunächst mit sich selbst beschäftigen. Das hört sich komplizierter an, als es ist. Aus eigener Erfahrung würde ich sogar behaupten es ist eine Übungsfrage.
Situation erkennen: Weiter entscheidend ist die Situation. Diese ist oft unterschiedlich und auch das gilt es zu berücksichtigen. Je nach Situation kann ein „Ich mag dich“ unterschiedliche Dinge ausdrücken und vor allem: unterschiedlich aufgenommen werden.
Rolle erkennen: Jeder Mensch erfüllt verschiedene Rollen. Ich bin Vater, Partner, Freund, Coach, Berater, Dozent, Sohn meiner Eltern und Schwiegersohn, Bootsmann. Diese Rollen erfordern unterschiedliches Auftreten.

Wesensgemäß und situationsgerecht soll es im Gespräch zugehen, das macht die Stimmigkeit aus, das ist mein Ideal.
(F. Schulz v. Thun)

Wie soll man das jemals schaffen?
Gegenfrage: Wie haben Sie es jemals geschafft, Fahrrad zu fahren oder zu schwimmen?

Schulz von Thun beschreibt den Weg zu Stimmigkeit als „Reifeprozess“ statt „Computerkurs“. Wenn man sich damit beschäftigt, kommt Stimmigkeit von selbst. Nur sehr wenige sind bislang auf ein Fahrrad gestiegen und einfach losgefahren. Aber es hat auch keinem genützt, Fahrrad fahren zu „pauken“. Der Weg ist sich entwickeln wollen. Vielleicht die ein oder andere Hilfe und Selbstgelassenheit.

Ja, wenn ich etwas zu Schulz von Thuns Theorie ergänzen dürfte wäre es der Begriff Selbstgelassenheit. Sich auf den Weg machen, aber Fehler erlauben. Sogar Irrwege. Aber dranbleiben.
Als ich diesen „Dreiklang plus“ – sich erkennen, Situation erkennen, Rolle erkennen + Selbstgelassenheit – begann in mein Leben zu bringen, wurde vieles leichter. Ich wage zu behaupten, dass Stimmigkeit mit Selbstgelassenheit zu Glück führt.

 

Methoden zu mehr Stimmigkeit in den folgenden Blogeinträgen.
Ich freue mich über Kommentare und besonders, wenn Ihr meinen Blog weiter empfehlt, weiter leitet und sonstwie davon erzählt.

Vielen Dank für’s lesen,
Mirco

Quellen: Friedemann Schulz von Thun: Miteinander reden
Der Spiegel Wissen: Versteh mich nicht falsch!

 

By | 2016-08-11T21:37:00+00:00 Juli 12th, 2016|Uncategorized|0 Comments

About the Author: